Talentmanagement Strategisches Verhalten bei Bewertungen in Multi-Rater-Systemen Eine potenziell große Herausforderung im Rating Prozess ist strategisches Verhalten, bei dem Mit- arbeitende versuchen, das Multi-Rater-System zu ihrem Vorteil zu beeinflussen. Beispiele hierfür sind strategisches „Downvoting“ – das absichtli- che Herabsetzen der Bewertungen von Kolleg*in- nen, um im Vergleich besser abzuschneiden – und reziproke Begünstigung, bei der Kolleg*innen sich gegenseitig sehr positive Bewertungen geben. Solche Verhaltensweisen beeinflussen nicht nur die Gesamtbewertung, sondern untergraben auch das Vertrauen in das Bewertungssystem selbst. Eine aktuelle Forschungsstudie zu diesem The- ma zeigt, dass diese Verhaltensweisen sehr wohl existieren, wobei Frauen deutlich weniger häufig zu reziproken Bewertungsbeziehungen neigen, und somit weniger häufig von strategischer rezi- proker Begünstigung profitieren als ihre männli- chen Kollegen (Schaupp, 2024). Als Folge zeigt sich, dass Frauen häufiger zu einer Strategie des „Downvotings“ tendieren, was so- wohl für sie als auch ihre Kolleg*innen zu weni- ger positiven Gesamtbewertungen führt. Diese Er- kenntnisse legen zwei Schlüsse nahe. Zum einen bestätigen sie die Relevanz der Frage nach der Ge- wichtung der Vielzahl von Multi-Rater-Bewertun- gen. Zum anderen unterstreichen sie, dass Unter- nehmen sich in regelmäßigen Abständen mit der Qualität der Bewertungen auseinandersetzen und Mitarbeitende über die Bedeutung von ehrlichen und konstruktiven Bewertungen aufklären sollten. Wenn Mitarbeitende verstehen, dass Bewertun- gen zum Erfolg der Organisation und nicht nur zur individuellen Platzierung beitragen, enga- gieren sie sich authentischer. Workshops und Schulungen können den Wert von Integrität in Leistungsbewertungen unterstreichen. Eine weitere interessante Umsetzung kann der Ein- satz von Kalibrierungskomitees, bestehend aus bereichsübergreifenden Führungskräften und HR Expert*innen, sein. In diesen Komitees kön- nen Bewertungen und Begründungen überprüft, Anomalien identifiziert und Konsistenzen zwi- schen Abteilungen sichergestellt werden (Grab- ner, Künneke & Moers, 2020). Fazit Insgesamt zeichnen die aktuellen Forschungser- gebnisse zur Umsetzung und Gestaltung von Mul- ti-Rater-Systemen ein recht positives Bild. Unter- nehmen, die für die Beurteilung der aktuellen und zukünftigen Leistungsfähigkeit ihrer Mitarbei- ter nicht auf objektive Kennzahlen zurückgreifen können, erhalten bei der richtigen Ausgestaltung ein geeignetes Werkzeug für präzise Gesamtbe- urteilungen und somit eine passende Ausgangs- basis für wichtige Entscheidungen zur Einstufung und Entwicklung von Mitarbeitenden. Literatur Bol, J. C. 2011. The determinants and performance effects of ma- nagers’ performance evaluation biases. The Accounting Re- view 86 (5): 1549–1575. Bol, J. C., Margolin, M., Schaupp, D. 2024. Multi-Rater Perfor- mance Evaluation and Calibration: Managing Multiple Opini- ons. Working Paper. Deloitte. 2020. Talent 2020: Surveying the Talent Paradox from the Employee Perspective. DeNisi, A., Murphy, K. R. 2017. Performance appraisal and per- formance management: 100 years of progress? Journal of Ap- plied Psychology 102(3), 421–433. Grabner, I., Künneke, J., Moers, F. 2020. How calibration commit- tees can mitigate performance evaluation bias: An analysis of implicit incentives. The Accounting Review 95 (6): 213-233. Grabner, I., Lampe, J., Schäffer, U, Schaupp, D. 2024. Supervisor Performance Evaluation Process Satisfaction: Determinants and Consequences. Working Paper. Grabner, I., Moers, F. 2013. Managers’ choices of performance measures in promotion decisions: An analysis of alternati- ve job assignments. Journal of Accounting Research 51 (5): 1187–1220. Lampe, J., Schäffer, U, Schaupp, D. 2024. From Words to Actions: The Impact of Specificity and Causality in Narrative Feedback on Employee Performance Improvement. Working Paper. Schaupp, D. 2024. When Multi-Raters Compete: Investigating Gender Differences in Mutual Rating Relationships and Stra- tegic Behavior in Multi-Rater Performance Evaluation. Wor- king Paper. Schrage M., Kiron D., Hancock B., Breschi, R. 2019. Performance Management’s Digital Shift – Findings from the 2019 Perfor- mance Management Global Executive Study and Research Project. Sloan Management Review. Villanova, P., Bernardin, H. J., Dahmus, S. A., Sims, R. L. 1993. Rater Leniency and Performance Appraisal Discomfort. Educational and Psychological Measurement 53 (3): 789–799. WorldatWork (2019) Contemporary Performance Evaluation Practices Survey. ISABELLA GRABNER ist Professorin am Institut für Unterneh- mensführung der Wirt- schaftsuniversität Wien, E-Mail: isabella.grabner @wu.ac.at. DANIEL SCHAUPP ist Assistent Professor am Institut für Unterneh- mensführung der Wirt- schaftsuniversität Wien, E-Mail: daniel.schaupp @wu.ac.at. HR Performance 1/2025 57